Digitale Arztbesuche, Videosprechstunden und Co.: Warum Krankenkassenbeiträge durch Telemedizin künftig sinken könnten

Die Corona-Krise wirkt derzeit wie ein Katalysator für die Telemedizin in Deutschland. Eine neue Befragung von 2.240 Ärzten und Psychotherapeuten zeigt: Jeder zweite befragte Arzt bietet mittlerweile Videosprechstunden an, wie das Magazin „Spiegel“ berichtet. Die Onlinebefragung wurde von dem Mannheimer Instituts für Public Health, der Universität Heidelberg, der Stiftung Gesundheit sowie dem Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführt.

Nachholbedarf gab es auf dem Gebiet genug: Ende 2017 nutzten gerade mal 1,8 Prozent der niedergelassenen Ärzte die Möglichkeit der Videokonsultation.

Die Telemedizin entlastet dabei jene, die an vorderster Front arbeiten: Ärzte und Krankenpfleger sind rund um die Uhr und unter hohem Druck tätig, wohlwissend, dass sie sich selbst infizieren könnten. Auf der anderen Seite gibt es viele Patienten, die wichtige Arztbesuche aufschieben, weil sie Angst haben, sich in der Arztpraxis mit dem Corona-Virus zu infizieren. Rund ein Viertel der Patienten würden momentan fernbleiben, berichtete etwa die Frankfurter Rundschau kürzlich.

Telemedizin eröffnet neue Potenziale für das Gesundheitssystem

In dieser Situation haben telemedizinische Lösungen geholfen, Risiken aufseiten des medizinischen Personals und der Patienten zu minimieren und gleichzeitig die Grundversorgung abzusichern. In vielen anderen europäischen Länder gehören sie bereits seit längerem zum festen Instrumentarium des Gesundheitssystems. Telemedizin, das ist die gesamte Bandbreite an digitalen Möglichkeiten, die es Ärzten und Patienten erlaubt, ohne physischen Kontakt miteinander zu kommunizieren. Am bekanntesten sind Videosprechstunden. Sie sind dem normalen Arzt-Gespräch in der Praxis sehr nah: Patienten werden über den Browser oder eine Smartphone-App mit einem Arzt verbunden, der Videosprechstunden anbietet. Die Kamera und das Mikrofon, die im Laptop oder Smartphone integriert sind, genügen für die technische Umsetzung. Patienten, die Videosprechstunden beanspruchen, warten zumeist nur eine Viertelstunde, nicht Stunden oder Tage, auf einen Termin, es entfällt der Weg zur Praxis und das Ausharren in überfüllten Wartezimmern mit entsprechend höherem Infektionsrisiko.

Neben der Videosprechstunde gehören auch Gesundheits-Apps und das von Gesundheitsminister Jens Spahn auf den Weg gebrachte eRezept in den Bereich der Telemedizin. Zusammengenommen eröffnen diese Lösungen völlig neue Wege für unser Gesundheitssystem: Menschen im ländlichen Raum müssen seltener für Konsultationen mit dem Arzt erhebliche Strecken zurücklegen. Indem eine Erstdiagnose via App erfolgt, bekommen Patienten schneller Antworten auf ihre Fragen und eine Weiterleitung beim richtigen Facharzt. Bei chronisch Kranken kann die Telemedizin dabei helfen, dass der behandelnde Arzt regelmäßig die wichtigen Werte auch aus der Ferne überprüfen kann. Dennoch: Bislang wurden diese Vorteile in Deutschland noch nicht ausreichend ausgeschöpft.

Die Nachfrage steigt und das Gesundheitssystem wird finanziell entlastet

Die aktuelle Krise fördert die Nutzung vieler neuer Technologien. Auch die Telemedizin erlebt einen Aufschwung. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung bieten aktuell rund 25.000 Praxen ihren Patienten Videosprechstunden an. Das entspricht einem Viertel aller Praxen. Die große Mehrheit ist erst in den letzten Monaten dazugekommen.

Zugleich ist die Nachfrage bei Patienten gestiegen. Lange existierte ein Fernbehandlungsverbot und ein nur eingeschränktes Angebot von Videosprechstunden. Durch die Krise wurden alte Gewohnheitsmuster aufgebrochen. Laut einer Bitkom-Umfrage aus dem März wünschen sich 66 Prozent der Deutschen, dass Ärzte ihre Sprechstunden auch online anbieten. Die Nachfrage hat sich somit im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Wir erleben, wie ein externer Effekt als Katalysator für die Verbreitung neuer Technologie wirken kann.

Gleichzeitig ist die Videosprechstunde einer von mehreren Bausteinen in der umfassenden Behandlung eines Patienten. Die Praxis vor Ort behält weiterhin eine zentrale Bedeutung und wird sicherlich nicht durch digitale Lösungen verdrängt.

Patienten werden langfristig geringe Versicherungsbeiträge zahlen müssen

Einen größeren Trend zur Telemedizin sollten die Versicherten mittelfristig auch im eigenen Geldbeutel aufgrund abnehmender Versicherungsbeiträge spüren. Das Gesundheitssystem steht immer vor der Aufgabe, kosteneffizient zu arbeiten, ohne an Qualität zu verlieren. Auch hier hat die Corona-Krise Spuren hinterlassen: die Kassen sprechen aufgrund der Corona-Krise von einem Finanzierungsloch im Gesundheitsfonds von rund 14 Milliarden Euro im Jahr 2020.

Telemedizin und Digitalisierung können dazu beitragen, die Ausgaben für Krankenkassen zu reduzieren. Beispielsweise müssen Patienten nicht mehr den gesamten Verwaltungsapparat und die Räumlichkeiten einer Arztpraxis beanspruchen. Die Praxen würden dadurch entlastet und könnten sich vor allem um diejenigen Patienten kümmern, die eine vor Ort Behandlung benötigen.

Die Videosprechstunden können außerdem für nicht so mobile Menschen die Barrieren senken, mit einem Arzt zu sprechen. So könnten wiederum schwere Erkrankungen früher erkannt und behandelt werden. Insgesamt hilft die Telemedizin also, unnötige Arztbesuche zu vermeiden und nötige Besuche wesentlich früher in die richtige Richtung zu leiten. Diese Effizienz wird sich mittel- bis langfristig auch bei den Krankenkassen bemerkbar machen — vor allem, wenn wir es schaffen, weitere Teile des Gesundheitssystems zu digitalisieren und miteinander zu verknüpfen.

Verbände und Politik sind gefragt

Es spricht also viel dafür, die Potenziale der Digitalisierung auch im Bereich unseres Gesundheitssystems noch viel stärker auszuschöpfen. Der Wille bei den Verantwortlichen ist da, auch die Bevölkerung zeigt Bereitschaft. Andere Bereiche haben es vorgemacht: Facetime mit den Großeltern oder Zoom-Meetings mit Arbeitskollegen gehören mittlerweile zum Alltag. Auch unsere Universitäten haben es geschafft, ihre Lehre weitestgehend auf Webinare umzustellen.

Obwohl die Telemedizin noch hinter anderen Einsatzgebieten zurückfällt, hat sie doch das Potenzial, eines der wichtigsten Einsatzgebiete digitaler Kommunikationstechnologie zu werden. Voraussetzung ist der entschiedene Wille von Politik und Verbänden gemeinsam mit digitalen Gesundheitsunternehmen, die technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts auszuschöpfen. Die Patienten werden es ihnen danken.

 

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